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Legal Tech-Magazin 02/20

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Das neue Legal Tech-Magazin ist da: Zeit für neue Arbeitsweisen Neue Ausgabe des Online-Magazins zur Umsetzung von Legal Tech in Anwaltskanzleien erschienen Die Arbeitsweisen in Kanzleien und Gerichten ändern sich. Immer häufiger arbeiten Rechtsanwältinnen und Rechtanwälte im Homeoffice – Gerichtsverhandlungen finden online statt. Da liegt es nah, auch die eigenen Arbeitsweisen zu überprüfen und an die neuen Herausforderungen anzupassen, z. B. durch die Umstellung auf eine vollständig papierlose Kanzlei oder die Nutzung juristischer Spracherkennung. Im neuen Legal Tech-Magazin – die Ergänzung zum Fachportal Website legal-tech.de – erfahren Leserinnen und Leser, wie die Digitalisierung auch in kleinen und mittelgroßen Kanzlei angegangen werden kann.

EDITORIAL Liebe

EDITORIAL Liebe Leserinnen, liebe Leser, was machen wir, wenn wir mit der Digitalisierung fertig sind? Die Frage ist selbstverständlich ein Scherz: Mit der Digitalisierung werden wir vermutlich niemals fertig werden. Für Rechtsanwaltskanzleien, ob groß oder klein, heißt das: Es nützt nichts, zu verzweifeln, wenn neue Software nicht gut funktioniert oder alte Gewohnheiten behindert: Ein Update wird kommen. Für die Aus- und Weiterbildung heißt das: Niemand darf sich darauf verlassen, in den nächsten drei Jahren immer noch das gleiche digitale Kanzlei-Arbeitsumfeld vorzufinden. Angeblich werden die meisten der heutigen Schulkinder in zehn Jahren in Berufen arbeiten, die es jetzt noch gar nicht gibt. Ebenso wird es wohl nicht nur für die heutigen Jura-Studierenden sein, sondern für alle, die jetzt schon in Kanzleien arbeiten: Die Kanzlei samt Rechtsberatung wird im Jahr 2030 ganz anders aussehen als heute. Dank einiger Legal Tech-Werkzeuge kann man evtl. schon sehen, wohin die Reise geht: Kollaborative Plattformen für Vertragsverhandlung und Aktenführung, automatische Dokumentenanalyse, KI-gestützte Recherche und Schriftsatzerstellung. Allerdings muss einiges doch gleich bleiben: Wir werden weiterhin juristisch argumentieren, schreiben, lesen, die Rechtslage recherchieren, Sachverhalte erforschen und belegen. Weiterhin werden wir Argumente austauschen. Wir müssen nach wie vor versuchen und lernen, die Argumente der anderen Seite zu verstehen (auch wenn es uns dabei schüttelt), selbst wenn wir sie dann im Ergebnis ablehnen. Es mag banal klingen, wenn ich das hier so hinschreibe, aber bei der Faszination für moderne digitale Technik und Jura überall, ist es meiner Meinung nach auch in Ordnung, hierauf hinzuweisen: Die juristische Technik wird immer das Nachdenken über und die Argumentation mit der Sach- und Rechtslage sein. Das Denken und Überzeugen werden die Maschinen uns nicht abnehmen, schon gar nicht ein Vertragsdokumentengenerator oder eine KI, die Daten aus Dokumenten entnimmt. Weiterhin werden wir also alle Rechtsberatung, Rechtsanwendung, Rechtsauslegung und Rechtserzeugung betreiben, ganz unabhängig davon, ob Verträge nun digital oder als Comic daherkommen werden oder ob neue juristische Datenbanken die juristische Recherche perfektionieren. Im juristischen System werden sich obendrein alle Teilnehmenden weiter untereinander verstehen müssen, ob nun bei der Zusammenarbeit innerhalb der Kanzlei, bei Verhandlungen oder Streitigkeiten mit der Gegenseiten: Damit meine ich nicht, dass es überall im Justizsystem menscheln muss, aber wir müssen weiterhin, bei aller tollen Technik, daran denken: Wir sollten und müssen einander verstehen und Rücksicht aufeinander nehmen. Das ist selbstverständlich nicht leicht beim Kampf ums Recht. Nun zu dieser Ausgabe: Im ersten Artikel des neuen Legal Tech-Magazins geht es genau darum, wie KI die Arbeit in der Kanzlei nicht ersetzt, sondern effizienter gestalten kann. IT-Experte Benjamin Peters erklärt, wie KI Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte entlasten und die Arbeitsqualität steigern kann. Im zweiten Beitrag widmen wir uns dem digitalen Fortschritt der Justiz. Richter Dr. Christian Schlicht berichtet von der ersten Videoverhandlung am Landgericht Köln. Von der deutschen zur europäischen Bühne geht es im Beitrag von Datenschutzexperte Dr. Niels Beisinghoff. Er erklärt, welche Auswirkungen das EuGH-Urteil Schrems II für die Anwaltschaft hat und welche sinnvollen Alternativen es zu Diensten aus den USA gibt. Anknüpfend an konkrete Tools zur digitalen Arbeit in Kanzleien erklärt RA Cornel Pottgiesser im dritten Artikel, wie die komplette Umstellung zur papierlosen Kanzlei gelingt. Ein Hilfsmittel hierfür kann u. a. juristische Spracherkennung sein. Gerade im Homeoffice liefert sie viele Vorteile, wie Sandra Nötzel weiß. Im vierten Artikel dieser Ausgabe erfahren Sie, was moderne Spracherkennung leisten kann und welche Fragen Sie Anbietern im Auswahlprozess stellen sollten. Unabhängig von bestehenden Lösungen am Markt das eigene Legal Tech-Geschäftsmodell entwickeln? Janina Möllmann berichtet im abschließenden Videointerview wie das gelingen kann und wie es in der Kanzlei BMH BRÄUTIGAM umgesetzt wurde. Viel Spaß mit dem neuen Legal Tech-Magazin Ihr Tom Braegelmann Tom Braegelmann, LL.M, ist Rechtsanwalt/ Attorney and Counsellor at Law der Kanzlei BBL Bernsau Brockdorff & Partner. Er ist ein international erfahrener Re strukturierungsexperte. Als Wirtschaftsanwalt ist er sowohl in Deutschland als auch in den USA als Anwalt zugelassen und war für namhafte internationale Wirtschaftskanzleien in Deutschland tätig. In den letzten vier Jahren arbeitete er dabei mit dem Schwerpunkt Restrukturierungen auf internationaler Ebene mit dem BBL-Partner Peter Jark zusammen. Zuvor war er über drei Jahre als Anwalt für Insolvenz- und Urheberrecht in New York City tätig. 4 |

Praxistipps © Feodora - stock.adobe.com KI in der Kanzlei: So funktioniert die intelligente Automatisierung des Dokumentenmanagements Benjamin Peters Der Arbeitsalltag in Kanzleien ist heute immer noch häufig durch die massenhafte Auswertung und Sachverhaltserfassung von Schriftstücken, Formularen und kaufmännischen Belegen geprägt. Dabei gilt es, diese möglichst sorgfältig zu erfassen, denn je substantiierter der juristische Vortrag ausfällt, umso wahrscheinlicher ist die Erfolgsaussicht der Klage vor Gericht. Studien zufolge können 22 Prozent der Tätigkeiten von Anwältinnen und Anwälten und 35 Prozent der Aufgaben von Rechtshelfern durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) automatisiert werden 1 . Auch die Kanzleien äußern einen klaren Bedarf an Automatisierung mit dem Ziel, effizienter 1 https://heise.de/-3919054 (Stand: 18.08.2020). und kostengünstiger zu arbeiten. Dabei kann der Einsatz von KI einen Wettbewerbsvorteil für die einsetzende Kanzlei bieten, indem die Qualität der Sachverhaltserfassung verbessert, die Durchlaufzeiten verkürzt und der Aufwand reduziert werden. So können sich Anwältinnen und Anwälte auf ihre juristische Arbeit bzw. die Beratung der Mandantschaft konzentrieren. Doch wie sieht der Einsatz der heutigen KI-Technologien in Kanzleien aus und worin besteht der Mehrwert konkret? Einsatz von KI im Kanzleialltag Mit Künstlicher Intelligenz sind durch den Hype der letzten Jahre vielfach sowohl (zu) hohe Erwartungshaltungen als auch Befürchtungen und Misstrauen verbunden. Zudem sind viele Anbieter auf diesen Zug aufgesprungen und verpacken explizit programmierte Mustererkennung (Regeln, Heuristiken) als „KI“. Diese Ansätze lieferten aufgrund des begrenzt vorliegenden (programmierten) Wissens häufig keine optimalen Ergebnisse und sind aufwändig in der Einrichtung, Anwendung und Pflege der Software. Der eigentliche Paradigmenwechsel besteht aber gerade darin, dass Maschinen solche Muster selbstständig („ungestützt“) oder anhand von Trainingsbeispielen menschlicher Spezialisten („gestützt“) erkennen können. Im Kanzleialltag fokussiert sich der Einsatz intelligenter Systeme auf das Dokumentenmanagement – rund 17 % der Juris- 5 |

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